Pommerscher Greif e.V.

Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte

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"Kinder dürfen nicht lügen"
Aus der Braunschweiger Zeitung, Peiner Nachrichten vom 1.6.2001
von Iris N. Masson

Lore Born las aus ihrem Buch "Leibchen und Seelchen"

Gross Ilsede. Kaum fasste der Raum des Kompetenzzentrums Neue Medien im ehemaligen Belegschaftshaus des Ilseder Hüttengeländes die vielen Interessierten, die am Mittwochabend der Einladung von Inge Hartung, Frauenbeauftragte der Gemeinde Ilsede, zur Lesung 'Leibchen und Seelchen - eine Kindheit im Zweiten Weltkrieg' von Lore Born gefolgt waren.

 

Kein Wunder, denn die 1935 in Pyritz bei Stettin geborene Lore Born, die als elfjähriges Mädchen aus Nest (heute Plinniescie) im Kreis Köslin (Koszalin) nach ihrer spektakulären Flucht mit der Mutter in Neuölsburg landete, erzählt in Ihrem Buch plastisch und plakativ von ihren Erlebnissen und Erfahrungen während der Hitlerzeit und den Entbehrungen danach.

Stellvertretend für Millionen 'Opfer' einer restriktiven Erziehung, die blindes Funktionieren ohne Hinterfragen sowie Reduktion auf Kinderkindheit gebot, kommt Borns in Form einer Reportage gehaltenen Geschichte einer Aufarbeitung und zugleich einer Abrechnung mit dem in der Nazipädagogik geforderten bedingungslosen Gehorsam gleich.

Der Begriff 'Leibchen' steht für ein Stück Unterwäsche, an dem man die langen Kinderstrümpfe befestigte. Er symbolisiert das groteske Maß an Zucht und Ordnung schon für die Kleinen. Als 1945 das Gefüge der 'Großen' zusammenbricht, sind die 'Seelchen' gefragt: Auf der Völkerwanderung von Ost nach West, umgeben von fremden Soldaten und unfreundlichen Landsleuten, werden die Kinder teilweise zu Beschützern und Helfern insbesondere der Mütter in einer zunächst vaterlosen Gesellschaft.

Früh lernt das intelligente und begabte Mädchen, seine Gefühle zu bremsen und die Bedeutungslosigkeit eigener Wünsche und Bedürfnisse zu erkenne. Borns Erinnerungen blieben ihr ein ganzes Leben treu. Aber erst auf Ermunterung des Schriftstellers und Filmemachers Eberhard Fechner (Die Wolfskinder) zeichnete die heute 66-jährige in Bonn lebende ehemalige Journalistin Bilder, die in Form von Momentaufnahmen Betroffenheit, aber auch Heiterkeit auslösenden Wiedererkennungswert und Identifikation bei den größtenteils gleichaltrigen Hörern weckten.

Da ist zunächst das Bemühen um Unauffälligkeit und Höflichkeit bei der vorurteilsvollen Gastfamilie ('Vor Erwachsenen muss man Respekt haben'), in deren Mansardenwohnung die angeblich verlausten und verwanzten Flüchtlinge unterkommen. In der 'reinen' Industriegegend mit Hochofenambiente in Neuölsburg wächst das Heimweh nach der klaren Ostseeluft. Da ist die Familie, die schwarz schlachtet und den Flüchtlingen Schweigegeld in Form von Naturalien bezahlt.

In beschämenden Erinnerungen gräbt Born, als sie das 'Organisieren' - den Diebstahl eines Eies - gesteht. Damals von der Mutter als Mundraub legitimiert, entlarvt das Mädchen dennoch die den Kindern eingebläuten Erziehungsprinzipien wie Ehrlichkeit als Widersprüche und Doppelmoral ('Kinder dürfen nicht lügen...')

Und plötzlich der Fremde vor der Tür, der eigene Vater, der, aus der Kriegsgefangenschaft kommend, ob der gewonnenen Selbstständigkeit seines 'Frauchens' für dicke Luft sorgt. Kritik verbat sich von selbst ('Kinder dürfen nur reden, wenn sie gefragt werden'). Offensichtlich bis heute hat Born den Eltern den 'Betrug' nicht verziehen, dass sie nach dem Umzug nach Düsseldorf ein Jahr vor Abschluss der Mittleren Reife die Schule verlassen musste ('Mädchen heiraten ja doch').

Eine ganz normale Kindheit, die in schlichten, wohlgesetzten Worten oft genug den Hören ein zustimmendes Kopfnicken entlockte.

 

Leibchen und Seelchen. Kindheit im 2. Weltkrieg.
von Lore Born
ISBN: 3928239465
Preis: DM 22,00
EUR 11,25

 
 
zuletzt geändert amMittwoch, 23. Januar 2002 erstellt durch webmaster@pommerscher-greif.de 
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