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  Letzte Änderung: 07.10.2003

 
Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde
- Sektion Genealogie -

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Familienforschung und Heimatforschung

Von Detlef Kühn

Wer heute Familienforschung, wissenschaftlich "Genealogie" genannt, betreibt, hat sich mit verschiedenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Das gilt nicht zuletzt dann, wenn die Suche nach den Ahnen und nach deren familiären Zusammenhängen sich auf Osteuropa erstreckt. Die Bedenken sind unterschiedlichster Art. Manch einer fühlt sich an die "Suche nach der arischen Großmutter" unseligen Angedenkens im Dritten Reich erinnert und läßt dabei gern außer acht, daß die Genealogie eine Jahrhunderte alte Hilfswissenschaft ist, die für den Mißbrauch durch die Nationalsozialisten nun wirklich nicht verantwortlich zu machen ist.

Andere glauben, diese Art der Beschäftigung mit den eigenen Vorfahren sei nur etwas für "große" Familien. Man selbst stamme aber von "kleinen" Leuten ab und da sei doch nichts Interessantes zu entdecken. Dieses Vorurteil läßt außer acht, daß alle, auch die einfachen Kreise und Schichten eines Volkes, als Handelnde oder oft auch als Leidende stets in die gesamte Geschichte eingebettet sind. Ihre Lebensumstände, ihre Entwicklungen, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sind mehr oder weniger typisch und ermöglichen daher Einblicke in den Alltag unseres Volkes in früheren Jahrhunderten, die gerade heute, wo sozialgeschichtliche Fragestellungen die Geschichtswissenschaft viel mehr als früher bewegen, nicht gering geschätzt werden sollten. Das bedeutet: Es gibt keine uninteressanten Familien; alle haben ihren individuellen Wert und rechtfertigen auf Grund ihrer unterschiedlichen Lebensumstände unsere Neugier. Allenfalls gibt es Familien, die auf Grund der gesellschaftlichen Rolle, die ihre Angehörigen gespielt haben, leichter als andere zu erforschen sind, weil sie mehr Spuren hinterlassen haben. Gerade die Beschäftigung mit den Schicksalen auch von Vorfahren einfacheren Standes gewährt historische Erkenntnisse, die die Geschichte leichter "begreifbar" machen.

Gilt diese Erkenntnis generell für die Genealogie in allen Gegenden, so bekommt sie für die ostdeutsche Familienforschung noch besondere Dimensionen. Die Ostdeutschen und ihre Nachkommen haben nicht zuletzt auch mit der Tatsache fertig zu werden, daß die Heimat ihrer Vorfahren, die von diesen mitgeprägte Kulturlandschaft, ihnen entweder gar nicht oder nur unter erheblichen Mühen und Kosten zugänglich ist. Diese Tatsache macht es so schwer, Heimatgefühle der älteren Generation dem Osten gegenüber auf die nachwachsende Jugend zu übertragen. Die Landsmannschaften und Vertriebenenverbände wissen ein Lied von dieser oft unlösbar erscheinenden Aufgabe zu singen. Sie bemühen sich zu Recht, durch Verbreitung historischer Kenntnisse Über die einst von Deutschen besiedelten Landschaften in Osteuropa Gefühle der Verbundenheit auch bei Jugendlichen hervorzurufen, die in ganz anderen Gebieten aufgewachsen sind und die Heimat ihrer Vorfahren allenfalls aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennen. Als für sich relevant betrachten sie diese Erzählungen jedoch nur noch selten. Sie sind nicht mehr "betroffen".

Es erstaunt, daß die um Bewahrung und Weitergabe der Traditionen und der Kultur des deutschen Ostens bemühten Politiker und Funktionäre der Verbände nur selten die Chance erkennen und nutzen, die in diesem Zusammenhang die Genealogie bietet. Hier ist nämlich unter Umständen Betroffenheit noch ohne Umwege zu erzielen, nämlich dann, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das Blut der Menschen, die früher einmal das Bild der jetzt so fernen Landschaften geprägt haben, noch immer in unseren Adern rollt. Diese Verbindung ist nie unterbrochen worden, gleichgültig, ob wir Nachkommen uns jetzt als Rheinländer, Bayern oder Niedersachsen fühlen.

Es gehört zu den menschlichen Urbedürfnissen, wissen zu wollen, wo man herkommt. Dieses Bedürfnis veranlaßt Tausende von Zeitgenossen, auf die oft zeitraubende und mühselige Jagd nach ihren Ahnen zu gehen. Wer dabei nur etwas weiter denkt, wird sich dann bald nicht mit den blanken Namen seiner Vorfahren und den Daten ihrer Geburt oder ihres Todes begnügen wollen, in dem sicherlich etwas primitiven Bestreben, nur möglichst "weit zurückzukommen". Wer seine Vorfahren und damit sich selbst ernst nimmt, wird stets Wert darauf legen, auch etwas über ihre Lebensumstände zu erfahren, ihren Beruf, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, ihre Kultur im weitesten Sinne.

Wer Familienforschung auf diese Weise betreibt, bekommt sehr bald eine ganz neue Einstellung zu der Heimat seiner Ahnen. Er erarbeitet sie für sich, fühlt sich ihr verbunden, gleichgültig, ob er die betreffenden Landschaften besuchen kann oder nicht. Die meist reichlich vorhandene heimatkundliche Literatur des deutschen Ostens gewinnt für ihn an Interesse, schildert sie doch das Umfeld, in dem die Ahnen gelebt haben. Die Vertriebenenverbände und Landsmannschaften sollten sich diese Erkenntnis insbesondere für ihre Jugendarbeit zunutze machen. Sie sollten die Jugendlichen, die für sie noch erreichbar sind, systematisch zur Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Familie anhalten, sie beraten und Hindernisse, soweit wie möglich, aus dem Weg räumen helfen. Dabei gilt es dann, ein letztes Vorurteil auszuräumen, das insbesondere der ostdeutschen Familienforschung gegenüber besteht: Das Vorurteil, es seien keine Quellen mehr vorhanden. Gott sei Dank ist das in erfreulichem Umfang doch der Fall. Zuerst einmal haben viele Menschen in ihrem Fluchtgepäck auch Briefe, Dokumente, Ahnenpässe und anderes gerettet. Dies Material sollte von den jungen Familienforschern so schnell wie möglich ergänzt werden durch intensive Befragungen der Angehörigen der älteren Generation. Das Tonbandgerät kann dabei Hilfe leisten. Die von den Sozialgeschichtlern heute so geschätzte "oral history" erleichtert auch dem ostdeutschen Familienforscher den Start. Sie schafft auch die Grundlage für eine intensive Auswertung der heimatkundlichen Literatur der Vertreibungsgebiete, die über den Leihverkehr der Bibliotheken im allgemeinen leicht zugänglich ist. Aber, und das ist das Wichtigste, auch Originalquellen stehen in erfreulichem Umfang noch zur Verfügung. Nur wenige wissen, daß zum Beispiel große Teile des Königsberger Staatsarchivs ebenso gerettet wurden wie Hunderte von Kirchenbüchern, die heute in Berlin oder in Regensburg der Forschung zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt sei erwähnt, daß insbesondere polnische, aber auch tschechische Archive oft Auskunft erteilen oder sogar dem deutschen Forscher die Benutzung ihrer Bestände ermöglichen. Der "Wegweiser" der Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Familienforscher, der schon in zweiter Auflage erschienen ist und demnächst auch eine englische Ausgabe für die vielen Interessenten vor allem in den Vereinigten Staaten erleben wird, hält für den ernsthaften Privatforscher eine Fülle von Hinweisen bereit (Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch).

Man sollte also Heimatvertriebene, Flüchtlinge und ihre Nachkommen ermutigen, die gegebenen Möglichkeiten auch zu nutzen. Auf sie wartet ein interessantes Hobby, das viele nicht wieder loslassen wird. Der Gewinn für das ganze deutsche Volk aber liegt in der Bewahrung und Weitergabe der jahrhundertelangen Leistungen der Deutschen im Osten.

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