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  Letzte Änderung: 07.10.2003

 
Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde
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Siebenbürgische Migrationen, Schwerpunkt Katzendorf - Amerika

Von Dr. Harald Lienert

Digitalisierung der Kirchenbücher

Da mein Vater aus Katzendorf stammte, habe ich zu dieser Gemeinde eine besondere Beziehung, die mich dazu veranlasst hat, mich mit der Genealogie des Ortes zu befassen.

Im Jahre 1997 konnte ich zu diesem Zweck in Katzendorf das Kirchliche Familienbuch und den Index der Matrikelbücher kopieren, um sie dann hier mit Hilfe des AHN-DATA-Programmes zu digitalisieren.

Das erwähnte Familienbuch wurde 1895 von dem amtierenden Pfarrer Michael Binder angelegt und umfasste auf 130 Seiten des Formats 38x25 cm alle damals in der Gemeinde lebenden sächsischen Familien. Die Eintragungen wurden bis zum Jahre 1960 von den Pfarrern Johann Brantsch, Julius Wonner, Georg Schuller, Johann Roth und Christoph Klein, dem jetzigen Bischof der Evangelischen Landeskirche A.B., fortgesetzt. Nach 1960 finden sich keine Einträge mehr in diesem Dokument.

Bereits im Jahre 1711 wurden aber von Pfarrer Gustav Lang die Kirchenmatrikel angelegt und von ihm bzw. seinen Nachfolgern ebenfalls bis in die späten 50er Jahre des 20. Jahrhunderts geführt. Durch die hier erfassten Daten konnten im "Rückwärtsgang" die Ahnenstämme der im Familienbuch verzeichneten Personen ergänzt werden. Anhand der Totenmatrikel konnten in einzelnen Fällen, wo das Alter der Verstorbenen vermerkt war, durch Rückrechnung auch Geburtsjahre bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts ermittelt werden.

Auf diese Art wurden aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert die Geburts-, Heirats- und Sterbedaten von über 4.500 Personen erfasst und elektronisch gespeichert.

Im Rahmen einer Aktion, die im August vorigen Jahres durch den Versand von 250 Fragebogen begann, konnten für die Zeitspanne 1960 bis zur Gegenwart die Daten von weiteren 560 Personen bis zu einer Gesamtanzahl von 5178 Datensätzen hinzugefügt werden.

Wanderbewegungen

Im Kirchlichen Familienbuch finden sich gelegentlich Hinweise auf Auswanderungen. Bei Personen, wo in der Bemerkungsspalte irgendein "fremder" Orts- oder Ländername auftaucht, hören in der Regel weitergehende Informationen auf: für die betreffenden Kirchenbuchführer existieren sie einfach nicht mehr. Im Anhang des Familienbuches gibt es jedoch andererseits eine tabellarische Übersicht, in der ein großer Teil dieser Emigranten eigens noch einmal erfasst ist, und außerdem noch eine weitere Liste, die speziell die Auswanderungen nach Amerika dokumentiert. Hier finden sich auch einige Angaben von "Anlaufadressen" in den Vereinigten Staaten.

Aus all diesen Daten konnte eine Gesamtauswanderungsliste zusammengestellt werden. Sie bezieht sich auf einen Personenkreis, der in der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gemeinde zeitweilig oder endgültig verlassen hat.

In der Darstellung handelt es sich eigentlich um das Phänomen der Migration an sich und nicht unbedingt nur um physische Personen. Das heißt, dass in einigen Fällen dieselben Personen mehrfach "migrierten".

Grundsätzlich wird dabei, mit wenigen Ausnahmen, weder die Flüchtlingswelle vom September 1944, noch der große Exodus nach 1990 berücksichtigt. Diese Bewegungen können zu einem späteren Zeitpunkt, nach Abschluss der Fragebogenaktion, erfasst werden.

Katzendorf zählte im untersuchten Zeitraum insgesamt 280 Hofstellen, davon 152 sächsische Höfe. Aus diesen haben 348 Migrationen stattgefunden, also im Durchschnitt mehr als zwei Auswanderungen je Hofstelle. Nehmen wir (willkürlich!) als Vergleichszahl die sächsische Ortsbevölkerung von 541 Einwohnern im Jahre 1941 an, ist die Migrationsquote doch recht erheblich.

Als Hauptmigrationsziel erscheint in der Tabelle Amerika, mit 144 Auswanderungen, davon 142 in die USA. An zweiter Stelle rangiert Rumänien mit 125 Migrationen: 97 mal als Ausland, vor dem 1. Weltkrieg, und 28 mal als Inland, zwischen den beiden Kriegen.

In der Namensspalte der Tabelle verweisen zusätzliche Erläuterungen auf die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Emigranten. Die Hausnummer und das Geburtsdatum in den folgenden zwei Spalten erleichtern ihre Identifikation.

Die Ursache der Abwanderungen sind dieselben wie auch in vielen anderen sächsischen Ortschaften in Siebenbürgen: die beschränkte Fläche des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens und der Bevölkerungsüberschuss durch Kinderreichtum, also hauptsächlich wirtschaftliche Faktoren.

Wenn es sich bei den Migrationen nach "Rumänien" mehrheitlich um die Aufnahme zeitweiliger Arbeitsverhältnisse handelte, überwiegen bei dem Zug nach Amerika die endgültigen Aussiedlungen.

Endgültig erscheint daher hier auch in den meisten Fällen der Abbruch der Beziehungen zum Herkunftsort, und, bedingt durch den Integrationszwang, der allmähliche Bewusstseinsschwund für die familiäre Herkunft.

Umso erfreulicher mutet es an, wenn in jüngerer Zeit in Amerika in verstärktem Maße wieder das Bedürfnis nach dem Wissen um die "europäischen Wurzeln" hochkommt. Paul Kreutzer jun. aus Youngstown hat diesen Trend in seinem Referat im September 1996 in Leipzig in beredter Weise deutlich gemacht.

Die weltweiten Verbindungen, die durch Nutzung des Internets möglich geworden sind, können in den letzten Jahren längst verschüttet geglaubte familiäre Beziehungen wieder in unser Bewusstsein zurückbringen.

Fallbeispiele

1. Sara Urschel

Eines Tages erhielt ich von Frau Monika Ferrier aus Kanada eine E-Mail, in der sie mir mitteilte, dass ein gewisser Bill Klinger aus Kalifornien übers Internet nach der Herkunft seiner europäischen Großeltern fahnde, die einstmals aus "Ungarn" eingewandert seien. Sein Großvater namens Arnold Klinger habe 1909 in Milwaukee/Wisconsin eine Sara Urschel geheiratet, die seines Wissens in Reps (!) geboren sei. Beide seien damals fast gleichaltrig, nämlich 20 Jahre alt gewesen. Nun wusste ich, dass der Name Urschel in Katzendorf bodenständig, in Reps aber durchaus nicht anzutreffen war. Durch das Namenssuchmenü konnte ich sehr bald die gesuchte Person ermitteln: Sara Urschel, geboren am 29.04.1887. Wenig später fand ich sie auch in der Auswanderungstabelle als "ausgewandert nach Amerika im Jahr 1903". Nun war es leicht, für Bill Klinger einen Stammbaum seiner Katzendorfer Ahnen zu erstellen und ihn ihm durch Monika Ferrier, die sich dankenswerter Weise als Dolmetscherin und Mittlerin zur Verfügung gestellt hatte, zukommen zu lassen. Zum Dank dafür hat uns Klinger auch die Daten aus seinem familiären Umfeld nachgereicht, mit denen ich meine Katzendorfer Familienforschung ergänzen konnte.

2. Martin Lienerth

Ein anderes Beispiel. Am 10. April 1996 schrieb mir Martin Lienerth (!) aus Nürnberg, gebürtig aus Kleinprobstdorf. Er wusste, dass sein Großvater Michael Lienert aus Katzendorf stammte und der Sohn eines Johann Lienert und einer Sara geb. Praidt gewesen sei, die auf dem Hof Nr. 245 gewohnt hätten. Ihre Geburtsdaten seien ihm aber unbekannt.

Aus meiner Datensammlung konnte ich in diesem Fall mit Hilfe der Hausnummer 245 problemlos sowohl den Großvater als auch dessen Vorfahren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ausfindig machen und für Martin Lienerth den entsprechenden Stammbaum erstellen. Eine Besonderheit war es dabei, dass der Großvater Michael Lienert seine aus Kleinprobstdorf stammende Frau Susanna Schörwerth gelegentlich seiner (zeitweiligen) Auswanderung nach Amerika kennen gelernt hatte und mit ihr am 11.08.1906 in Homestead/Pennsylvania von Pfarrer Michael Orend getraut worden war. Nach der Rückkehr aus Amerika hatte die Familie ihren Wohnsitz in Kleinprobstdorf, wobei nach dem frühen Tod des jungen Ehemannes die Verbindung zu Katzendorf abgebrochen wurde und das genauere Wissen um seine Herkunft in Vergessenheit geraten war.

3. Martin Kalish, mein Verwandter in Amerika

Vor einiger Zeit hatte ich eine Umfrage im Internet gestartet, um irgendwo in der Welt noch andere Träger des Namens Lienert ausfindig zu machen, die vielleicht Stammesbeziehungen zu Katzendorf oder gar zu unserer eigenen Sippe haben könnten. Zu meiner freudigen Überraschung meldete sich darauf ein Herr Martin Kalish aus Livonia/Michigan (USA), mit der Meldung, seine Mutter Pauline Gertrude Kalish sei eine geborene Lienert gewesen.

Der Antwortbrief, in dem er mir seine Abstammung und Familienverzweigung erläutert, ist sehr aufschlussreich. Als Beispiel für den "genealogischen Brückenbau" zwischen Alter und Neuer Welt gebe ich diesen Brief auszugsweise im Folgenden wieder.

Sehr geehrter Dr. Lienert,

Ich bin der dritte Sohn von Robert Kalish und Pauline Gertrude geb. Lienert. Mein Vater Robert Kalish ist am 21. Januar 1919 in Beaver Falls, PA geboren; er wohnt jetzt mit 81 Jahren bei uns in Livonia, Michigan. Meine Mutter ist am 2. Feb. 1922 in New Castle, Pennsylvania, geboren und am 12. Dez. 1990 in Battle Creek, Michigan, gestorben.

Ihr Vater Johann Lienert (später John genannt) ist am 24. Nov. 1885 in Katzendorf geboren. Am 17. Sept. 1902 verließ er sein Elternhaus, zog nach Amerika und ließ sich in New Castle, PA nieder. Er heiratete Sara Kloos am 3. Okt. 1906 in New Castle, PA und hatte dort mit ihr zwei Töchter. Diese erste Frau meines Großvaters ist in Nadesch geboren und am 25. Mai 1913 in New Castle gestorben.

Am 11. März 1914 kam dann ein junges Mädchen nach Amerika, die seine zweite Frau werden sollte. Sie wurde als Anna Preidt am 6. Juni 1894 in Katzendorf geboren und ihre Ehe mit Johann Lienert wurde am 11. März 1916 geschlossen. Aus dieser Ehe gingen ebenfalls zwei Töchter hervor: meine Tante Anna, geboren am 12. Juli 1917, und meine Mutter Pauline Gertrude am 2. Feb. 1922.

Großmutter Anna Lienert geb. Preidt starb am 17. Mai 1964 in New Castle, PA. Ihr Ehemann, mein Großvater Johann (John) Lienert folgte ihr ein paar Monate später am 24. Aug. 1964 in den Tod.

Ich reise oft nach Deutschland, also wenn Sie wollen, und wenn ich Zeit habe, kann ich Sie vielleicht anrufen, um mehr zu diskutieren. Ich interessiere mich für Ihre persönliche und Familiengeschichte, und für Ihre Genealogie. Wir sind bestimmt Verwandte.

Herzliche Grüße,

Martin W. Kalish

Dazu möchte ich noch folgendes erklären: Die Auswanderung des Johann Lienert (geb. am 24.11.1885 in Katzendorf auf dem Hof Nr. 76) ist im Kirchlichen Familienbuch der Gemeinde auf Seite 70 vermerkt. Ebenso seine Eheschließung mit Sara Kloos aus Nadesch, sowie auch die Geburt seiner ersten beiden Töchter Sara und Katharina Johanna in New Castle. Sogar das Todesdatum der Ehefrau Sara (25.05.1913) ist da aktenkundig. Weitere Daten fehlen aber in den Katzendorfer Urkunden. Die Fortsetzung der Familiengeschichte nach Johann Lienerts zweiter Ehe wird im obigen Brief von Martin Kalish eingehend erläutert.

Aus den mir vorliegenden Daten konnte ich übrigens nachweisen, dass ich mit Pauline Gertrude Lienert in neunter (!) Generation denselben Urahnen hatte: Es war Hannes Lienert, geboren in Katzendorf um 1695. Die Verwandtschaftsvermutung von Martin Kalish hat sich also bestätigt. Er hat mich gerne als "Onkel" akzeptiert und uns sogar anlässlich einer Geschäftsreise nach Stuttgart am 22. September 2000 besucht. Wir konnten uns mit ihm auf deutsch sehr nett und anregend unterhalten.

Familienforschung in Internet

Abschließend darf ich in diesem Zusammenhang erwähnen, dass mich die positiven Erfahrungen, die ich durch Nutzung des Internets im genealogischen Bereich gemacht habe, dazu veranlassten, gemeinsam mit Monika Ferrier eine Initiative zum Aufbau einer Mailingliste zu starten und über E-Mail 58 Forscherkollegen und Freunde der Siebenbürgischen Familienforschung zur Teilnahme einzuladen. Da sich bisher 51 Kollegen bei der Liste angemeldet haben, hat inzwischen schon ein reger und sehr ersprießlicher Gedankenaustausch im Rahmen dieser zentralen Auskunftsstelle stattgefunden. Die Liste wird dankenswerter Weise von Dr. Günter Junkers (Leverkusen) und Christa Tabara (Braunschweig) betreut. Ihre Einrichtung wurde auch in der Siebenbürgischen Zeitung vom 20. Februar d.J. veröffentlicht.

Nochmals möchte ich hier den Wunsch aussprechen, dass möglichst alle Kolleginnen und Kollegen unserer Runde durch einen E-Mail-Anschluss an diesem Informationsaustausch teilnehmen (die Mailadresse lautet Siebenbuergen-L@genealogy.net).

Eine weitere Möglichkeit der genealogischen Kommunikation, vor allem, wenn es sich um längere Beiträge handelt, ist die Teilnahme am Forum für Siebenbürgische Familienforschung, erreichbar unter www.siebenbuerger.de. Dieses Diskussionsforum wird verwaltet von Hans-Detlev Buchner, Günther Melzer und Robert Sonnleitner.

Balduin Herter, unser langjähriger und bewährter Leiter der Sektion Genealogie, hat kürzlich angeregt, das reichhaltige Genealogie-Archiv der Siebenbürgischen Bibliothek Gundelsheim durch eine groß angelegte Digitalisierung für die Sicherung der zukünftigen Forschungsarbeit nutzbar zu machen. Freiwillige Helfer für diese Aktion werden daher gesucht.

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