Als mir im Traum heut die Heimat erschien:
Der Stadtpark - schön wie der Prater in Wien,
Die Promenaden, das Odertal,
Die alten Giebel auch sonder Zahl,
Da dacht´ ich bei mir, daß manch andere Stadt
Wohl auch ihre eigenen Schönheiten hat!
Doch eins unserer Wahrzeichen in Notzeit und Glück
War neben Kirchen und Schloß doch der Bummel in Brieg!
Tagsüber prosaisch - der südliche Ring!
Hier schlendernd so mancher Rentier sich erging.
Die Marktweiber priesen ihre Butter am Stand,
Die Hausfrauen prüften mit Zunge und Hand,
Und volltönend erfreute uns jeden Tag
Der Turmuhr majestätischer Stundenschlag.
In den Ohren erklang er wie die schönste Musik -
Das war der Bummel, der Bummel in Brieg!
Doch spät, mit dem sechsten Stundenschlag,
Wenn zum Abend sich neigte der Arbeitstag,
Da quoll´s aus den Straßen, den Gassen zuhauf,
Teils gemächlichen Schritts, teils im eiligen Lauf:
Die Jugend von Brieg, zu zweit und zu vieren,
Sah man munter jetzt und mit Muße flanieren.
Dazu machte Meister H e n k e Musik.
Ja, das war unsere "Rennbahn", der Bummel in Brieg!
Da zeigten die Schönen ihr neuestes Kleid,
Daß die Klassenkameradin platze vor Neid!
Da zog der Pennäler grüßend den Hut,
Und errötend dankte ihm die, die ihm gut.
Da wurde gekichert, gelacht und gehöhnt.
Bald war man sich böse, dann wieder versöhnt.
Nur Amor saß auf der Normaluhr und schwieg
Und schoß seine Pfeile auf den Bummel in Brieg!
Und kam mal Herr P r e u ß l e r oder P i e s k e entgegen,
Da flogen die Mützen, da war man verlegen,
Und erschien etwa U m b r e i t, der Chef, im Gelände,
Da gab´s einen "Reihenknicks" ohne Ende.
Da wurde "man" rot, und man merkte so sacht,
Daß man noch keine Schulaufgaben gemacht.
So feiert´ die Schule Triumphe und Sieg
Trotz Amors Pfeile - auf den Bummel in Brieg!
So wurde der Bummel der Treffpunkt für alle.
Der Max traf den Hans dort in jedem Falle:
Am Baggerbad auf seinen "Renner" gesetzt,
War er schleunigst der Innenstadt zugehetzt.
Er mußte doe schnell den Kameraderaden erreichen
Und mit ihm die Rechenaufgaben vergleichen!
Denn Schlag sieben - es komme keiner, der lüg´! -
Lag wie aus gestorben der Bummel in Brieg.
Dann kam der, den niemand wünschte - der Krieg,
Und er forderte auch seine Opfer von Brieg.
Doch wem die Göttin des Glücks war gewogen,
und er hatte das Los des Urlaubs gezogen,
Den sah man um sechs Uhr am südlichen Ring,
Und auch Inge war da, das lustige Ding.
Trotz dem Arm in der Binde, trotz Kummer und Krieg
Erneuert´ die Freundschaft der Bummel in Brieg!
Und dann kam der dunkelste Tage von allen -
Die herrlichen Giebel zusammengefallen -
Der Bummel verlassen im schwärzlichen Schnee! -
Nachts ging dort ein Weißbart wie in heimlichem Wehr,
Einen Knaben zur Linken, der weinte so sehr,
Weil sein Köcher voll Pfeile und alles so leer.
Doch der Alte, dieweil über Trümmer er stieg:
" Sei ruhig, einst kommt wieder der Bummel in Brieg!"
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zuletzt aktualisiert: 28.05.2001